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Freies Atelierhaus Graz

Open Call: Gift (de)

Abhängigkeit hat viele Gesichter. Zum einen sind wir abhängig von Sozialkontakten, der Wirtschaft, der Natur. Darüber hinaus tun sich individuell unterschiedliche Abhängigkeiten auf, von der aktuellsten Mode, den neu-esten Apps, notwendigen Medikamenten bis hin zum scheinbar freiwilligen Genuß legaler wie auch illegaler Suchtmittel.

2020 gab es durch die Pandemie ein kollektives Erleben von Unausweichlichkeit, wie es die meisten von uns bislang nicht gekannt haben. Ungeachtet des persönlichen Standpunkts konnte sich niemand dieser Realität entziehen. Viele fanden sich – vor allem während der Lockdown-Phasen – auf sich selbst zurückgeworfen, konfrontiert mit Überforderung, Langeweile, Angst, Einsamkeit oder zu größer Nähe, und das ohne wirksame Strategien, all diesen Dingen zu begegnen. Eine Umfrage des Global Drug Survey (GDS) im Mai und Juni 2020 ergab, dass 41 Prozent der Befragten öfter, 36 Prozent mehr Alkohol seit dem Ausbruch der Pandemie trinken als zuvor.*

Doch Rauschmittel spielen nicht erst seit Corona eine gewichtige Rolle im menschlichen Leben. Mit viel Phan-tasie fanden die Menschen immer Wege, „high“ zu werden – kein Kraut ungeraucht, keine Frucht unvergoren, dazu Pilze und giftige Kröten, ganz abgesehen von den „Segnungen“ der Chemie. Die Darstellungen mehr oder weniger heiliger Räusche haben Einzug in den Kanon von Kunstgeschichte und Literatur gehalten. Im Gilga-mesch-Epos zum Beispiel, der ältesten bekannten Dichtung der Welt, trinkt Enkidu, der göttliche Begleiter des Helden, fünf Krüge Bier, spürt ein inniges Behagen und wird zum Menschen. Alte Bildtafeln zeigen Sumerer beim Biertrinken mit Saugrohren, in Pieter Bruegels Schlaraffenland ist der Müßiggang nach zu vielem Essen noch legi-tim, doch spätestens in Hieronymus Boschs Garten der Lüste beginnt sich auf der rechten Bildtafel der Abgrund aufzutun, welcher mit dem Verlust der Kontrolle über das eigene Verhalten einhergeht. Schließlich landet die Absinthtrinkerin von Picasso in einem Zustand der Agonie – verhärmt und in sich zusammengesunken sitzt sie am Tisch.

Heute sind zahlreiche Süchte hinzugekommen und haben sich in unserer Gesellschaft etabliert – völlig legal, alltäglich und von Werbung befeuert: Zum Beispiel die Sucht nach Optimierung unseres Körpers, sei es durch chirurgische Eingriffe, Sport, leistungssteigernde Getränke oder Medikamente. Das Fernsehen, Social Media, Computerspiele bestimmen unser Leben.

Die Neigung zu Abhängigkeit und Sucht scheint in uns eingebaut zu sein: Tief in unseren Gehirnen sitzt das soge-nannte Belohnungszentrum, das Gefühle von Freude und Zufriedenheit in uns auslöst, wenn es von der körper-eigenen Droge Dopamin stimuliert wird. Dopamin wird ausgeschüttet durch positive Reize wie gutes Essen oder bei Tätigkeiten, die Spaß machen. Durch Drogen aller Art wird dieses Belohnungszentrum ebenfalls stimuliert.

Weil die Stimulation durch Drogen anfangs so gut funktioniert, indem sie einen bestimmten bevorzugten Erleb-niszustand erzeugt – Erleichterung verschafft, Entspannung oder angenehme Anregung vermittelt – kann die Sehnsucht nach eben jenem Zustand zu einem Verlangen führen, das mit dem Verstand nicht mehr zu kontrollie-ren ist. Ein Teufelskreis beginnt, denn das Belohnungszentrum stumpft ab und muss mit immer größer werden-den Mengen der jeweiligen Substanz wieder wachgerüttelt werden.

Im Gegensatz zur Abhängigkeit von Drogen, bei der die persönliche Entfaltung und die sozialen Chancen eines Individuums massiv beeinträchtigt werden, wird Verbundenheit als das Gefühl bezeichnet, einer anderen Person oder Personengruppe, sowie einer Sache oder einer Begrifflichkeit zugehörig zu fühlen und in einer vertrauens-vollen Beziehung zu stehen. Nach Friedmann Schulz von Thun ist die Verbundenheit eines der vier seelischen Grundbedürfnisse – neben dem Empfinden von Eigenwert, einem ausreichenden Grad an Freiheit und dem Bedürfnis geliebt zu sein.

Sind diese Qualitäten in einem menschlichen Leben nicht ausreichend gegeben, entsteht seelischer Schmerz. Die Menschen haben allerdings schnell gelernt, dass durch die Aktivierung der neuronalen Belohnung Schmerzgefüh-le verschwinden und der Weg dazu durch Nikotin, Alkohol, Opiate, Hypersexualität oder Glücksspiele abgekürzt werden kann. Nach dem kanadischen Mediziner Gabor Maté sind Substanzenmissbrauch und Suchtverhalten Mittel, um Schmerz nicht fühlen zu müssen. Sind wir eine „süchtige Gesellschaft“, die ihre Schmerzen betäuben muss?

Künstler:innen des Schaumbades und Kolleg:innen aus dem In- und Ausland begeben sich auf Spurensuche und thematisieren den Spannungsbogen zwischen Abhängigkeit und Verbundenheit in ihren Arbeiten zu dieser Aus-stellung. Das Schaumbad wird zum Forschungslabor für gesellschaftliche Entwicklungen in Krisenzeiten. Ein wissenschaftli-cher Diskurs unter Einbeziehung von Expert:innen, Institutionen und Betroffenen (sind wir das nicht alle?) sowie fächerübergreifende Kooperationen mit anderen künstlerischen Sparten (Performance, Literatur, Musik) beglei-ten das Projekt und runden das Programm in Form von Diskussionen und Workshops ab.

Kuration: Keyvan Paydar, Elke Murlasits

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Bei einer Einreichung sind folgende Unterlagenmitzusenden: ein Konzept, Bild bzw. Skizze des Vorhabens sowie eine detaillierte Beschreibung der Arbeit mit Angabe der Größe und Materialien.

Außerdem sind Informationen zur Person bzw. dem Kollektiv beizulegen (eine künstlerische Kurzbiographie, Portfolio sowie Link zur Webseite, wenn vorhanden)

Einreichungsfrist ist der 15. Mai 2022.

Die Ausstellung eröffnet am 10. Juni 2022.

 

Einreichung bitte per Mail an: schaumbad@mur.at

Open Call: Gift (en)

Dependence has many faces. On the one hand, we are dependent on social contacts, the economy and nature. In addition, individually different addictions arise, from the latest fashion, the newest apps, necessary medications to the seemingly voluntary enjoyment of legal as well as illegal addictive substances.

In 2020, the pandemic created a collective experience of inevitability that most of us have never known before. Regardless of personal standpoint, no one could escape this reality. Many found themselves – especially during lockdown periods – thrown back on themselves, confronted with overwhelm, boredom, anxiety, loneliness or too much closeness, and without effective strategies to counter all these things. A survey by the Global Drug Survey (GDS) in May and June 2020 found that 41 per cent of respondents drink alcohol more often, 36 per cent more, since the outbreak of the pandemic than before.*

But intoxicants have not only played a weighty role in human life since Corona. With a lot of imagination, people have always found ways to get „high“ – no herb unsmoked, no fruit unfermented, plus mushrooms and poisonous toads, not to mention the „blessings“ of chemistry. The depictions of more or less sacred intoxication have found their way into the canon of art history and literature. In the Gilga-mesh epic, for example, the oldest known poetry in the world, Enkidu, the hero’s divine companion, drinks five mugs of beer, feels an intimate pleasure and becomes human. Ancient picture panels show Sumerians drinking beer with siphons, in Pieter Bruegel’s Land of Cockaigne, idleness after too much food is still legi-timate, but at the latest in Hieronymus Bosch’s Garden of Delights, the abyss begins to open up on the right-hand panel, which goes hand in hand with the loss of control over one’s own behaviour. Finally, Picasso’s absinthe drinker ends up in a state of agony – haggard and slumped over, she sits at the table.

Today, numerous addictions have been added and have established themselves in our society – completely legal, everyday and fuelled by advertising: for example, the addiction to optimising our bodies, whether through surgery, sport, performance-enhancing drinks or medication. Television, social media, computer games determine our lives.

The tendency to dependence and addiction seems to be built into us: deep in our brains sits the so-called reward centre, which triggers feelings of joy and satisfaction in us when it is stimulated by the body’s own drug, dopamine. Dopamine is released by positive stimuli such as good food or activities that are fun. Drugs of all kinds also stimulate this reward centre.

Because stimulation by drugs works so well initially by creating a certain preferred state of experience – providing relief, relaxation or pleasant stimulation – the desire for that very state can lead to cravings that can no longer be controlled by the mind. A vicious circle begins, because the reward centre dulls and has to be awakened again with ever-increasing amounts of the respective substance.

In contrast to drug dependence, where the personal development and social opportunities of an individual are massively impaired, attachment is described as the feeling of belonging to another person or group of people, as well as to a thing or a concept, and of being in a trusting relationship. According to Friedmann Schulz von Thun, connectedness is one of the four basic psychological needs – along with a sense of self-worth, a sufficient degree of freedom and the need to be loved.

If these qualities are not sufficiently present in a human life, emotional pain results. However, people have quickly learned that by activating neural reward, feelings of pain disappear and the path to this can be shortened by nicotine, alcohol, opiates, hypersexuality or gambling. According to Canadian physician Gabor Maté, substance abuse and addictive behaviour are ways of not having to feel pain. Are we an „addicted society“ that needs to numb its pain?

Artists from the Schaumbad and colleagues from Germany and abroad go in search of traces and address the tension between dependency and connectedness in their works for this exhibition. The Schaumbad becomes a research laboratory for social developments in times of crisis. A scientific discourse involving experts, institutions and those affected (aren’t we all?) as well as interdisciplinary cooperation with other artistic disciplines (performance, literature, music) will accompany the project and round off the programme in the form of discussions and workshops.

Curation: Keyvan Paydar, Elke Murlasits

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The following documents must be submitted: a concept, a picture or sketch of the project and a detailed description of the work with details of the size and materials.

In addition, information on the person or the collective (a short artistic biography, portfolio and a link to the website, if available) must be enclosed.

Deadline for submission is 15 May 2022.

The exhibition opens on 10 June 2022.

Please submit by e-mail to: schaumbad@mur.at

Hilfe für ukrainische Künstler*innen

Das Schaumbad erklärt sich solidarisch mit ukrainischen Künstler*innen.

Informationen zu Hilfeleistungen in Österreich finden sich hier.

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